| Olympia geschafft: Stefan Herbst jubelt nach hart erkämpftem vierten Platz Berlin. Glaube (an sich selbst) und Aberglaube, die richtige Bahn, ein neuer Schwimmanzug, Kämpfen bis zum Umfallen, Konzentration, Tunnelblick, die ideale Taktik, die Wärmesalbe der Physiotherapeutin, die richtige Musik zuvor auf dem Kopfhörer, das Glück des Tüchtigen. Es gibt unendlich viele Komponenten, die den Sonnabendnachmittag für Stefan Herbst zu einer Sternstunde werden ließen. Der 29-Jährige vom SSV Leutzsch sicherte sich in einem dramatischen Rennen über 200 m Freistil seine dritte Olympiateilnahme und wurde damit zum alleinigen Spitzenreiter einer schwimmverrückten Familie, in der auch Schwester Sabine sowie die Eltern Eva und Jochen Olympische Spiele erlebt hatten.
Doch so eng wie diesmal ging es noch nie zu. Es war eine unglaubliche Erlösung, als nach dem Zielanschlag eine vier vor dem Namen des Leipzigers aufleuchtete – zwei winzige Hundertstel vor dem fünften Platz, der nicht gereicht hätte. „Ich stand das erste Mal seit acht Jahren nicht auf dem Treppchen. Aber es hat sich wohl noch nie jemand über einen vierten Platz so gefreut wie ich, auch wenn ich gar nicht in der Lage war, die Freude richtig zu zeigen“, sagte der Europameister von 2002, als er sein Staffelticket für Peking gelöst hatte. 1:48,98 zeigte die Elektronik, von der Zeit her war es nur das viertbeste Rennen seiner Karriere. Doch nach einem verkorksten Vorlauf und Stunden voller Zweifel war diese Holzmedaille sein größter Sieg. „Ich hatte mich schon damit abgefunden, dass es diesmal nichts wird“, bekannte Mutter und Trainerin Eva Herbst, die sich die letzten Sekunden vor Aufregung nicht anschauen konnte, sondern nur noch zur Anzeigetafel starrte.
Noch drei Meter vor dem Ziel schien der Olympia-Flieger ohne den Leipziger abzuheben. Trainingskollege Toni Franz (nur Platz 21) beobachtete sogar, wie Kontrahent Jens Schreiber den Arm zum Zielanschlag etwas eher anhob. Doch der Hannoveraner stand – im Schwimmer-Jargon – wie ein Eimer, während Herbst nach schwerem Einbruch im Vorlauf alles auf die letzte Bahn gesetzt hatte. Sein Gegner hatte Pech mit seinem Schwimmanzug: Ein Loch an Schreibers Oberschenkel war nicht zu übersehen, zudem sei an anderer Stelle die Naht lädiert gewesen. „Ich hatte ihn nagelneu aus der Verpackung genommen, beim Anziehen ist er etwas gerissen. Ich hatte keine Zeit mehr zum wechseln“, sagte Schreiber.
Herbst war vor allem nach seinem Vorlauf geschockt, in dem er durchgereicht wurde und in 1:49,78 Minuten nur als Fünfter anschlug. Doch es reichte im schnellsten deutschen 200-m-Feld aller Zeiten noch für Rang sieben. Damit landete er im Finale auf Bahn eins: „Das war wenigstens ein Lichtblick, denn das ist meine absolute Lieblingsbahn. Auf der habe ich mal Alexander Popow geschlagen, drei Weltcupsiege errungen und 2003 in Berlin gewonnen.“ Alles Kopfsache. Auch der neue Arena-Schwimmanzug, den er erst am Morgen bekommen hatte und sich fürs Finale aufhob.
Nicht zuletzt gab auch die Sympathiewelle in der Halle dem Leipziger einen Schub. „Es ist unglaublich, wie viele mir hinterher gratuliert haben.“ Unter anderem Paul Biedermann: „Ich bin froh, dass Stefan es geschafft hat. Damit haben wir für Peking eine Staffel, in der drei Freunde von mir mitschwimmen. Wir werden total zusammenhalten und ein Ding raushauen.“ Biedermanns Trainer Frank Embacher hatte sich den Leipziger schon nach dem Vorlauf vorgeknöpft und gesagt: „Auf dich habe ich gebaut, mach ja keinen Mist. Du bist doch der Stabilste von allen.“
Aber auch der mit Abstand Älteste. Ein weiteres (und letztes?) Mal hat Stefan Herbst den Generalangriff der Jugend abwehren können. Ob ihm das heute auch über 100 m Freistil gelingt, ist fraglich: „Da ist von Platz 4 bis 20 alles drin.“ Doch sein drittes Olympiaticket kann ihm keiner nehmen. Frank Schober
Drei Fragen an: Stefan Herbst:
Sie haben eine Punktlandung Richtung Peking hingelegt. Welcher war der kritischste Moment?
Eindeutig nach dem Vorlauf. Als ich Platz fünf vor meinem Namen sah, dachte ich: Oh je, es ist vorbei. Da schießen einem solche Gedanken durch den Kopf wie: Statt Trainingslager und Olympia habe ich nach neun Jahren einen freien Sommer. Zum Glück kam es anders. Dafür, dass ich so eingebrochen bin, war die Zeit noch ganz gut. Und die anderen Vorläufe nicht so schnell.
Wie groß war die Hoffnung, dass es im Finale doch für die Staffel reicht?
Nicht so groß. Denn der Vorlauf war ein Abklatsch meiner letzten Wettkämpfe. Seit Wochen hatte ich Probleme auf der letzten Bahn. Immer, wenn ich meinen Endspurt anziehen wollte, ging nichts mehr. Außerdem bin ich dafür bekannt, dass ich vormittags immer schon maximal schwimme und die Zeit meist am Nachmittag wiederhole. Deshalb hatte ich mich entschieden, im Finale ruhiger anzugehen und alles auf die letzte Bahn zu setzen.
Für Olympia muss sicher eine Steigerung her. Ist die realistisch?
Ich hoffe, dass ich zulegen kann, dafür muss ich in erster Line gesund bleiben. Die drei anderen waren schon top. Unsere Staffel könnte nach der Leistung von Berlin 7:10 Minuten schwimmen, das wäre neun Sekunden besser als bei der WM 2007. Aber da sollte man vorsichtig sein. Berlin hat ein sehr schnelles Becken. fs
Stefan Herbst auf dem Weg zum Olympiaticket. Foto: dpa 
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