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© Leipziger Volkszeitung vom 12.01.2008

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Gegen den Strom nach Peking

Ausweichquartier: Die Leipziger Schwimmer Toni Franz und Stefan Herbst trainieren in einer Rehaklinik für Olympia

Ein kurzer Pfiff schrillt durch den Raum – keine Reaktion. Toni Franz und Stefan Herbst schwimmen weiter. Eva Herbst nimmt die Trillerpfeife aus dem Mund und schaut auf ihre Stoppuhr. "Na, dann lassen wir sie noch ein bisschen", sagt die Trainerin und lacht. Dann pfeift sie wieder, jetzt länger, energischer. Toni Franz hebt den Kopf aus dem Wasser und schaut fragend hoch. „Eigentlich bräuchten wir ein Unterwassersignal“, sagt die Trainerin. Doch sie ist glücklich, überhaupt unter so guten Umständen mit ihren Schützlingen trainieren zu können.
Denn der alte Gegenstromkanal unter der Uni-Schwimmhalle ist schon demontiert, der neue noch nicht fertig. Im Olympia-Jahr 2008 eine ärgerliche Situation für die Schwimmer, sagt auch Sporttherapeut Klaus Bietzke: „Das ist schon ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, so kurz vor Peking.“ Deshalb stellt er Herbst und Franz regelmäßig das Bewegungsbad in der Leipziger Medica-Klinik zur Verfügung. Ein Sportsponsoring der etwas anderen Art. „Für uns war es selbstverständlich, die Leipziger Spitzenschwimmer zu unterstützen“, sagt der 70-Jährige.
Das lässt sich die Klinik durchaus etwas kosten. Neben den geringeren Einnahmen durch wegfallende Rehagruppen schlägt der Unterhalt der Anlage zu Buche. Zwei Turbinen mit je 24 Kilowatt arbeiten unter dem Becken und bewegen die 35 000 Liter Wasser. Eigentlich sind Franz und Herbst eine härtere Gangart gewöhnt. Mit 1,4 Metern pro Sekunde fließt das Wasser, mehr gibt der Kanal nicht her. Muss er auch nicht – ausgelegt ist er schließlich auf Senioren und Kranke. Schon jetzt schaltet die Anlage Heizung und Filter aus, um auf solche Werte zu kommen.
„Da gegenzuhalten entspricht einer Zeit von 1,11 Minute auf 100 Meter“, erzählt Bietzke. „Das schwimmen momentan gute Zehnjährige.“ Auch Franz fühlt sich leicht unterfordert. „Ist das schon alles?“, ruft er. Zum Ausgleich arbeiten die Sportler nicht mit dem ganzen Körper, sondern setzen entweder nur die Arme oder nur die Beine ein. Trotz der Einschränkungen ist Eva Herbst für die Trainingsmöglichkeit dankbar. „Wir sind überglücklich, dass die Klinik und der Chefarzt Dr. Ulrich uns das so problemlos ermöglichen“, sagt sie. Denn ohne die Übungen in der Gegenstromanlage wären die beiden Schwimmer kaum international konkurrenzfähig. „Es ist wichtig, um ein Gefühl für den Wasserwiderstand zu bekommen und die Position des Rumpfes stabil zu halten“, erklärt Eva Herbst. „Außerdem schult es das Geschwindigkeitsempfinden und ist ein sehr gutes Krafttraining. Das ist unser Hauptanliegen.“ Und für die Sportler ist das Training im Kanal willlkommene Abwechslung. „Man fühlt sich zwar eingeengt, dafür aber sind die Übungen spielerischer“, sagt Stefan Herbst.
In acht Monaten wollen er und Toni Franz in Peking sein und für Deutschland in der 4x200-Meter-Freistilstaffel schwimmen. Davor aber steht die Qualifikation, im April finden die deutschen Meisterschaften in Berlin statt. „Die Chancen sind da“, sagt Herbst. „Ich muss sie nur nutzen, aber wenn alles nach Plan läuft, sollte das eigentlich klappen.“ Ein wenig skeptischer ist Langstreckenschwimmer Franz, der sich in seiner Paradedisziplin im Freiwasser nicht für Olympia qualifizieren konnte und jetzt auf der Kurzstrecke angreifen will. „Wir trainieren uns sehr unterschiedlich an die 200 Meter heran“, sagt er. „Bis Dezember lief es bei mir nicht so gut. Ich war die Belastung nicht gewöhnt, die ganze Leistung auf zwei Minuten zu konzentrieren. Ich tue zwar alles dafür, müsste aber schon auf den Tag fit sein, damit das bei den deutschen Meisterschaften eine Punktlandung wird.“ Florian Blaschke